K-Fall 2002 in Dessau

Geschrieben von Stefan Lohwieser.

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Pressebericht aus dem Traunsteiner Wochenblatt vom Tag der Abfahrt

Hochmotivierte Feuerwehrler nach 56 Stunden Einsatz nach Hause geschickt

380 Feuerwehrler aus dem Landkreis Traunstein mussten vom Hochwassereinsatz in Dessau vorzeitig abrücken.

Hoch motiviert sind knapp 380 Feuerwehrler aus dem Landkreis Traunstein am vergangenen Samstag (17.8.) nach Sachsen-Anhalt aufgebrochen, um in der Hochwasserregion um Dessau die dortigen Feuerwehren in ihrem Einsatz gegen die Fluten von Elbe und Mulde zu unterstützen. Nach nur 56 Stunden vor Ort, mitten im Einsatz an aufgeweichten Dämmen, deren Erhalt die Helfer mit allen Kräften zu sichern versuchten, wurde den Feuerwehrlern aus dem Chiemgau von Innenministerium des Landes Sachsen-Anhalt der Einsatzauftrag entzogen. "Die Lage hat sich stabilisiert, die Hilfe der bayerischen Feuerwehren ist nicht mehr nötig," hieß es in einer Faxmitteilung an Manfred Unterstein, der den Verband der 380 Feuerwehrhelfer aus dem Landkreis geleitet hat. Die bis dahin hoch motivierten Traunsteiner zogen daraufhin von den zugewiesenen Einsatzstellen ab und machten sich verärgert und frustriert auf den Heimweg. Dennoch würden alle sofort wieder losfahren, wenn ihre Hilfe im Katastropheneinsatz gebraucht wird. "Die Menschen wachsen bei so einer Katastrophe zusammen," sagt Manfred Unterstein. Der Einsatz in Dessau habe sich für jeden persönlich gelohnt und die Kameradschaft verstärkt, auch wenn es anders gelaufen ist, als erwartet.


Die Entscheidung des Lagezentrums des Innenministerium von Sachsen-Anhalt den Einsatz zu beenden, konnten die Feuerwehrler zuerst gar nicht glauben. Zu einem Zeitpunkt als die Hochwassersituation immer noch äußerst angespannt war, viele der Dämme und Sandsackbarrieren zu brechen drohten, wurde die Feuerwehrler zurückgepfiffen. Das stieß bei den Feuerwehrmännern auf großes Unverständnis und Verärgerung. Die Einsatzleitung des sachsen-anhaltinischen Innenministerium untermauerte die Weisung damit, dass kein Versicherungsschutz mehr für die Helfer bestehe. Albert Kutzer, Kommandant der Feuerwehr Traunstein, war zu diesem Zeitpunkt mit rund 150 Mann damit beschäftigt, einen wichtigen Dammabschnitt zu sichern. Er entschied den Einsatz fortzuführen. "Wir hätten den betroffenen Leuten, mit denen wir Sandsäcke geschleppt haben, nicht mehr in die Augen schauen können, wenn wir einfach gegangen wären." Der Damm sei völlig aufgeweicht gewesen. Dort Sandsäcke anzubringen und den Damm abzudichten sei am Montag abend unaufschiebbar gewesen. "Sonst wäre ein Stadtteil in Minuten abgesoffen." Kutzer und seine Mannschaft machten weiter bis die dringenden Arbeit erledigt waren. Danach blieb das Material der Traunsteiner - Scheinwerfer und Notstromaggregate - auf dem Damm, damit andere Helfer weitermachen konnten. Erst am Dienstag, kurz vor der Abreise, wurde die Gerätschaften abgebaut.


Der Krisenstab sei mit der Situation völlig überfordert gewesen. Rund 7000 Helfer auswärtige Helfer von Feuerwehren, Technischen Hilfswerk und anderen Hilfsorganisationen seien am letzten Samstag (17.8.) in die Stadt "eingefallen", wie Kreisbrandinspektor Manfred Unterstein es beschreibt. Diese und die unzähligen Freiwilligen zu leiten und einzuteilen war beinahe unmöglich. "Niemand hat so eine Katastrophe schon einmal erlebt, geschweige denn einen solchen Einsatz koordiniert. Da kann man dem Einsatzstab gar keine großen Vorwürfe machen!" Dabei seien die Helfer aus dem Landkreis Traunstein in den Tagen, in denen sie in Dessau waren, auch eingesetzt worden. Zwar habe es anfänglich Schwierigkeiten gegeben und es sei auch nicht einfach gewesen, der Mannschaft zu verklickern, dass gewartet werden muss und nicht irgendwo unkontrolliert losgelegt werden kann. Aber die geradezu euphorische Truppe habe das verstanden und akzeptiert, berichtete der Verbandsleiter.


Feuerwehren aus anderen bayerischen Landkreisen wurden bis zwei Tagen überhaupt nicht alarmiert und sind nur in der Sonne gelegen, obwohl sie ihre Hilfe mehrmals angeboten hatten. Einige Feuerwehrverbände fuhren wieder nach Hause ohne auch nur ein einziges mal eingesetzt worden zu sein. Die "Sandsack-Einsatzkommandos", wie sich die Traunsteiner selbst bezeichneten, schleppten mehrere Tausend Sandsäcke an Dämme und Bruchstellen. Mehr als 10 Millionen Sandsäcke wurden in Dessau an Elbe und Mulde in den letzten Tagen verbaut, berichtete Unterstein. Dabei beeindruckte vor allem der Wille und der Einsatz der Menschen, die mit anpackten, wo immer sie gebraucht wurden. An manchen Orten füllten ganze Hundertschaften an Freiwilligen die Säcke ab. "Es sah aus, wie in einem Ameisenhaufen!" Auch beim Transport, zum Teil sogar mit Fahrrädern und Handwagen, sowie beim Einbauen halfen Bewohner und Feuerwehrler zusammen. Sehr herzlich seien die bayerischen Feuerwehrler in Dessau aufgenommen worden. Die Menschen zeigten zudem große Dankbarkeit für die Hilfe der Floriansjünger aus Bayern, betonte Unterstein. Diese Herzlichkeit und die Solidarität bleibt als positiver Eindruck zurück. "Eine solche Katastrophe schweißt zusammen," betont Unterstein. Sicher habe man aus dem Einsatz in Dessau, der der größte war, den die Feuerwehren aus dem Landkreis jemals außerhalb des Kreisgebietes geleistet haben, auch vieles gelernt. Komme es wieder zu solch einem Katastropheneinsatz sei eine längere Vorlaufzeit zur Planung notwendig. So wurde in nur 12 Stunden ein Mammuteinsatz vorbereitet. Das sei einfach zu wenig Zeit. Dass beinahe 400 Freiwillige zusammengekommen sind, habe ihn und die Kreisbrandinspektion überrascht, betonte Unterstein. Beim nächsten mal würde er mit weniger Personal und weniger Fahrzeugen und Gerät ausrücken. Damit könne man sicher ebenso effektiv helfen. Auch wenn es Schwierigkeiten mit dem Krisenstab gab und alle enttäuscht zuhause ankamen, waren sich die Feuerwehrler einig, dass sie sofort wieder ausrücken würden, um Menschen in Not zu helfen. pv.